Huch, auch die Zeit hat ein ordentliches Tempo. Rennt einfach so dahin. Urlaub, Laptop reparieren und simpler einfacher Stillstand. Doch das möchte ich in einem anderen Beitrag thematisieren. Viele sind mir gefolgt, haben mich darauf angesprochen und konnten mir letztendlich auch gratulieren. Nochmals vielen Dank dafür.
Doch wie war es nun? Hier möchte ich mit der Geschichte mit dem Vortrag starten. So wie immer: Race-Briefing. Einige waren vor den Teilnehmenden gestanden und haben den Lauf zu einem Event, einer Erfahrung, etwas großem hochgeputscht. Der Puls ist wiedermal angestiegen. Zwei der Redner, die auch durch das Streckenprofil führten, sind mir dabei besonders im Kopf geblieben und nicht nur weil ihr Auftritt etwas von Standup-Comedy hatte. Was sich in meinem Kopf eingebrannt hat waren zwei Aussagen. Zum einen haben sie schon mehrmals teilgenommen. Der eine zehn mal, aber nur 7 mal erfolgreich. Es ist also kein Selbstläufer, wenn man schon einmal durch die Ziellinie gekommen ist. Der andere hatte ca. acht Teilnahmen. Keine einzige erfolgreich. Keine. Einzige. Als Norweger. Als Lokalmatador. „Und was mache ich hier?“ ist mir durch den Kopf gegangen. Respekt hatte ich von der Strecke davor auch schon. Einer der saloppen Sprüche war: „Wir sind hier nicht beim Ultratrail Mount Blanc in Frankreich. (Das ist quasi die Ultratrail-WM) Bei uns in Norwegen bedeutet ein Trail, dass es keine Kieswege gibt. Wir sind hier in der Pampa.“ Heyyyy, Stimmung. Habe ich mich nun (endlich) mal überschätzt? Mit mulmigen und aufgeregtem Gefühl bin ich weiter dem Briefing gefolgt und – wie immer vor einem großen Lauf – genauso ins Bett gegangen.
In der Früh ging es dann mit dem Bus von Svolvaer die ganzen Lofoten runter bis nach Reine. Die Landschaft war wunderschön. Im Hinterkopf war trotzdem auch der Gedanke, dass das alles und noch mehr zu laufen ist. In Reine konnte man dann noch ein wenig etwas snacken und sich kurz das Städtchen ansehen. Mit dem Boot ging es dann weiter in die Häuseransammlung Kjerkfjorden. Ohne Boot gelangt man dort auch nicht hin. Die Bootstour durch die Fjorde war klasse. Bis hierhin haben die Bilder und Videos nicht zu viel versprochen. Die Erwartungen wurden voll und ganz erfüllt. Die Lust endlich loszulegen wurde immer größer. Im Örtchen wurden noch ein paar Fahnen aufgebaut, die die ersten Startmeter schmückten. Man lief sich etwas warm und zog sich seinen finalen Laufdress an. Laufstecken in die Hand, Kopfhörer ins Ohr und 3… 2… 1… endlich ging es los. Nach Monaten und unzähligen Kilometern der Vorbereitung ist DAS Rennen überhaupt gestartet. 162 Kilometer sollten es werden.




Nochmal: Die Landschaft auf den Lofoten ist unbeschreiblich schön und abwechslungsreich. Sofern es mein Gedächtnis erlaubt, könnte ich für jeden Kilometer ein szenisches Bild beschreiben. Stattdessen streue ich einfach ein paar Bilder und ganz besondere Ereignisse ein.
Zuvor habe ich ja in einem anderen Beitrag das unterschiedliche Terrain beschrieben. Da es die Woche zuvor immer wieder geregnet hat wurde es zusätzlich schwierig. Wie erwähnt gab es nur selten Teer oder befestigte Wege. Oft war die Strecke eher sumpfig. Man hatte die Wahl den schnellen Weg durch den Matsch zu gehen und dabei ggf. seine Schuhe zu verlieren, zusätzliche Meter auf sich zu nehmen und außenrum zu laufen oder mit seinen Laufstecken im Stile eines Hochspringers bestmöglchst darüberzuhüpfen. Hier und da musste ich mich sputen um die Cut-Off-Zeiten einhalten zu können. Möglichkeit 1 wurde also auch ab und zu gewählt. Manchmal gab es schlicht weg aber auch einfach keine Wahl. Als ob der Weg extra durch ein Morast gelegt wurde. Das Ergebnis war, dass ich teilweise knietief im Schlamm steckte. Zum Glück gab es während des Rennens zwei Wechselzonen, bei denen man sein Equipment und somit auch seine Schuhe wechseln konnte.

Hier komme ich zu einer anderen Story. Die Verpflegungspunkte. Neben dem normalen Läufermenü (Nüsse, Riegel, Nudeln, Obst, …) gab es auch oft eine ordentliche Mahlzeit. Lasagne oder norwegische Fischsuppe sind hier als Highlight zu nennen. Wenn man über einen Tag auf den Füßen ist, dann reichen Nüsse einfach nicht mehr. Besonders in Erinnerung ist mir die erste Wechselzone (55 km) geblieben. Bevor ich richtig zur Türe reingekommen bin wurde mir schon mein Rucksack mit meinen Wechselsachen gebracht. Mir wurde liebevoll mitgeteilt, dass ich mich einfach hinsetzen und ausruhen soll. Die Verpflegung wurde zu mir gebracht. Ebenso wie eine Wanne mit warmen Wasser um meine Füße zu säubern. Nach einer 45-minütigen Rast ging es dann weiter. Auch ansonsten wurde einem auf nahezu jedem Posten angesehen wie erschöpft man war. Die Folge: „Setz dich, ich bring dir was.“ Echt süß!
Nachdem ich nicht zu den Spitzenläufern gezählt habe, konnte ich durch meine Fertigkeit als Spurenleser gut dem Weg meiner Vorgänger folgen. War dies nicht möglich, so half mir meine GPS-Laufuhr. Doch genau an diesen Stellen war jeder einzelne Meter Genauigkeit entscheidend. An manchen Abschnitten war das GPS zu schlecht und die rosa Fahnen (auch absichtlich; Aussage des Veranstalters) mit zu viel Abstand und hinter Bergkuppen oder Felsen gesteckt. Einmal wählte ich den falschen Weg und befand mich auf einer nassen Felsplatte. Ich beschloss mich auf den Hosenboden zu setzen und etwas hinuterzuschlittern um zur nächsten Platte zu gelangen. Das klappte jedoch so gut, dass ich mich fast im Freiflug befunden hätte. Nach erfolgreichem Übersetzen und ein paar weiteren Sprüngen befand ich mich dann wieder auf dem richtigen Weg. Die Anstiege auf die Bergspitzen hatten es in sich. Was aber viel krasser war, waren die Abstiege. Durch Downhill-Passagen konnte ich bisher stets sehr viel Zeit wieder gutmachen. Diese Bergab-Passagen waren aber richtige Zeitfresser. Die Motivation sank und der Ärger wuchs, wenn die Uhr für einen Kilometer dreißig Minuten angezeigt hat. Bei 30 % Gefälle, Fels und stufenartigen Abstiegen, bei denen die Stufen auch nur Fußbreite hatten vielleicht kein Wunder. Ein weiterer Beleg für die „Pampa-Strecke“ waren die vielen Klettereinheiten. Zuvor dachte ich, dass es ein bis zwei Stellen gibt, bei denen man mehr Cliffhanger als Forest Gump spielen muss, doch solche Felswände oder ebene Areale gab es zu hauf. Ein fester genauer Griff (mit den Laufstecken in den Händen) war gesundheitsbedingt unbedingt von Nöten um heil über die Felsen und Berge zu gelangen. Einmal landete ein Helikopter auf der anderen Bergseite von mir. Es hat wohl leider nicht bei jedem geklappt. Zum Glück gab es jedoch auch ein paar Abschnitte die aus ehrlicher geteerter Straße oder zumindest aus Feldweg bestanden. Diese Abschnitte waren die einzigen, bei denen ich mal überholen konnte und nicht selbst überholt wurde. Endlich konnte ich mal wieder Zeit reinholen. Das Ambiente konnte aber logischerweise nicht mit den „Naturmetern“ mithalten. Und so kam es, dass egal wo ich mich befand, ich mir ein anderes Gelände herbeiwünschte. „Bitte keine Berge mehr! Ich will endlich Straße.“ „Bitte keine Straße mehr! Ich will Gelände.“, „Bitte kein solches Gelände! Ich mag nicht mehr durch den Matsch.“










Wie stand es um meine Müdigkeit? Meine Antwort: Welche Müdigkeit? Es war unglaublich. Durch den Umstand, dass es nicht dunkel wurde wurde man auch nicht müde. Der Tag-Nacht-Rhythmus war vollkommen dahin. Es war sehr anstrengend und bei jeder Rast war das Setzen auf einen Stuhl, aufgrund der übersäuerten Muskeln, eine Qual, aber müde war ich nie. Ein weiterer Grund war noch die Konzentration, die mir die Strecke abverlangte.

Gegen Ende wurde es aber eng. Aufgrund der wechselnden Tageszeit und Höhe der Strecke war es unterschiedlich warm. Beim (vor)letzten? Anstieg war ich viel zu dick angezogen, so dass es mir schwindlig wurde. Als ich dann trotz Zeitmangels beschloss meine Laufjacke auszuziehen wurde es schlagartig besser. Über einen Berggrat balancierend ging es bergab. Hier hatte ich dann so richtig Bammel, dass mir die Zeit ausgeht. Mitten im Nirgendwo und mit einer wiedermal zeitvernichtenden Bergab-Passage konnte ich mir nicht mehr vorstellen die letzte Station mit Cut-Off-Zeit rechtzeitig zu erreichen. Plötzlich war der Downhill-Part geschafft. Zivilisation fehlte dennoch komplett. Und auf einmal war ein Pfad von Holzbrettern entlang eines Seeufers ausgelegt. Meine Rettung. Flaches profilloses Laufen. Zwanzig Minuten vor der Cut-Off-Time bin ich an die Station gekommen. Ab da hatte ich für das Finish noch vier Stunden. Nur noch ein kleiner Aufstieg und sechs Kilometer.
Oben angekommen wurde ich dann belohnt. Die Streckenposten an der letzten Station haben es schon verraten. Die Aussicht vom Berg auf Svolvaer war fantastisch. Eigentlich schon so etwas wie das Ziel, denn Zeit blieb genügend übrig. Also wurde durchgeschnauft, Fotos gemacht und gelacht. Pure Freude. Ab hier war klar, dass man finishen wird. Noch einmal runter, durch die Stadt und ein paar hundert Meter die Hafenpromenade entlang… es war hellichter Tag, dem Anschein nach, denn eigentlich war es ca. 1:30 Uhr nachts. Meine Frau begleitete mich die letzten Meter bis zum Zielplatz (Danke <3 ). Und dann war der Lauf nach 37h 39min 33s vorbei. Einfach so.



Da es verschiedenste Distanzen gab, wurde ich immer wieder von zahlreichen LäuferInnen überholt, die an anderer Stelle und Zeit ihre Rennen begonnen haben. Doch auf den 162 km wurde ich tatsächlich 44er von 147 gemeldeten Athleten. Das ist mit Sicherheit nichts besonderes. Worauf ich nachträglich jedoch durchaus Stolz bin ist, dass es nach mir nur noch fünf weitere Läufer in der regulären Zeit durchs und ins Ziel geschafft haben. Die Sprecher im Briefing behielten Recht. Der Triple Arctic Ultratrail hat einige zerrieben. Nur jeder Dritte war erfolgreich und erreichte Svolvaer. Und einer davon war ich. Das Häufchen Elend, dass nach dem Ziel mit einer Wolldecke auf der Bank mit einem Fischburger saß und vor Erschöpfung und Kälte schlotterte.

Der Heimweg zu Fuß zog sich etwas. Zum Glück befand sich die Toilettenschüssel meines Hotelzimmers in der Duschkabine, so dass ich mich im Sitzen duschen konnte. Für das Alter habe ich auch schon Erfahrung gesammelt, denn die Muskeln wollten hier und da nicht mehr, so dass ich etwas Hilfe brauchte um mich auszuziehen. Mit Blasen an den Fußsohlen ging es dann irgenwann ins Bett. Zufrieden. Happy. Voller gigantischer Eindrücke im Kopf. Mit einem Lachen im Gesicht.
Mach´ es auch. Such dir was um über dich hinauszuwachsen.

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