Wochenende für Wochenende jagt ein Event das nächste. Doch mit diesem habe ich am 21. März einen neuen persönlichen Rekord aufgestellt. Lediglich zur Vorbereitung auf mein diesjähriges Mainevent wollte ich einmal einen Backyard laufen. Dies ist ein bestimmter Rennmodus. Dabei hat man stets eine Stunde Zeit um genau 6,7 km zu laufen. In der übrigen Zeit dieser Stunde, kann man machen was man möchte. Ist die Stunde abgelaufen, müssen die 6,7 km erneut absolviert werden. Dieses Spiel wird wiederholt und wiederholt und wiederholt. Normalerweise spielt man es mit mehreren Läufern bzw. Teilnehmern. Sollte ein Läufer länger brauchen ist er ausgeschieden. Ist er zu platt um die nächste Runde zu beginnen… richtig! Ausgeschieden. Es gibt hier kein „der Schnellste“. Es geht um Ausdauer und Durchhaltevermögen. Das Rennen dauert so lange bis nur noch ein Läufer übrig ist und er noch eine weitere Runde schafft. Gewöhnlich kann man schon bis 24 h plus rechnen, bis solch eine Veranstaltung beendet ist. Ganz so extrem wollte ich es nicht, zumal ich eben auch keine „Gegner“ hatte. Nur mich und meinen Schweinehund. Direkt am Kuhsee konnte ich mein Auto abstellen. Dort sollte mein Rast- und Verpflegungsplatz sein. Meine 6,7 km bestanden aus einer vollständigen Seeumrundung, den Weg über den Hochablass zum Olympia-Kanu-Center und einer weiteren Umrundung des Sees. Das Ziel war es die 100 km zu knacken. So viel bin ich am Stück noch nie gelaufen.

Um 17 Uhr war Startschuss. Gleich nach der ersten Runde kam dankenswerterweise eine Kollegin vorbei und feuerte mich an. Danach war ich auf mich allein gestellt. Bis 20 Uhr war noch einigermaßen Betrieb. Ein paar Grüppchen, die das Zuckerfest in toller Tracht feierten, ein paar Früh(lings)-Griller und der ein oder andere Fußgänger, die meinen Weg säumten. Das war es dann aber. Danach wurde es langsam dunkel und leer. Lediglich das Bootshaus (Restaurant) leuchtete aufgrund einer Feier bis ca. 3 Uhr. Gegen 22 Uhr wurden schon ein paar Kilometer gelaufen und es stellte sich ein Rhythmus ein. Für einen Durchlauf brauchte ich ca. 40 min. Dann wurde 5 min gedehnt und parallel gegessen und getrunken. 10 min. Powernapp und 5 min. um sich wieder Laufsachen, Kopfhörer usw. anzuziehen. Die Wirksamkeit der Snacks standen bei meinem Vorhaben ebenfalls auf dem Prüfstand. Was kann man denn noch ohne Probleme um 2 Uhr essen? Bei 15 Stunden laufen, ist es durchaus geboten, dem Körper etwas Brennholz zu geben. Meine Einkäufe bestanden aus Nudeln, Gebäck, Gummibärchen, Powerriegeln und Gels. Und ja, das hat super geklappt. Ein paar Bissen jede Runde waren ausreichend und haben echt gut getan.


Um Mitternacht war dann der erste Meilenstein gesetzt. Die Marathondistanz wurde absolviert. Die Zahl der Fußgänger und Radfahrer konnte ich mit einer Hand abzählen. Da es noch Mitte März war, stellten sich auch sehr niedrige Temperaturen ein. Der Powernapp war nur noch mit Schlafsack möglich. Statt Nudeln wurde auf einen Proteinriegel umgestellt, für den ich drei Runden brauchte, bis er weg war. Um 2 Uhr war es dann so weit. Wie immer bei Langdistanzen stellt sich ein Tief ein. Die Motivation ging gegen Null. Das Auto, mein Pausencenter, nahm nach und nach den Zustand einer Tropfsteinhöhle ein und dennoch war es bitter kalt. Neben dem Schlafsack musste auch noch die Winterjacke herhalten. Alleine die Strecke zu absolvieren machte auch nicht richtig Spaß. Zum Glück hatte ich meine Kopfhörer, die im Kopf abgespeicherten Anfeuerungsrufe meiner Freundin und die Gewissheit, dass die Runde relativ schnell erledigt ist. Was auch half war, dass ich mich zu Beginn sehr weit aus dem Fenster lehnte und bereits mein 100 km-Vorhaben an die große Glocke gehängt habe. Nach 67 km (10 Durchgänge) war das größte Tief vorbei. Das neue Ziel war, zumindest einen halben Tag (12 h) durchzuhalten. Und zack, bekam ich eine Unterstützung nach der anderen. Schon um 4 Uhr zwitscherten die ersten Vögel und ich sah Rehe beim Grasen. In der nächsten Runde gab es einen Hasen zu sehen und danach auch noch einen Biber, über den ich mich am meisten freute. Wann hat man schon einmal einen wilden Biber gesehen? Drei Meter vor meinen Füßen kreuzte dieser in aller Ruhe meinen Weg. Es wurde heller und heller. An die 12 h-Marke konnte ich einen grünen Haken machen.


Noch 21 km. Drei Runden. Das erschien nun total machbar. Mein Hunger meldete sich und wollte endlich etwas von dem Schokocroissant, den ich dabei hatte. Zur Dämmerung und den bisherigen Anstrengungen ein wahrer Hochgenuss. Das Tief… hatte ich überhaupt jemals eines? Weg war es. Und um 7:45 Uhr war es dann soweit. 100 km: Geschafft! Ein tolles Gefühl stellte sich ein, obwohl ich allein gelaufen bin. Keine Medaille, kein Zielfoto, aber große Zufriedenheit. Alles hat sehr gut geklappt. Aus dem Motivationsloch rausgekommen war ein großes Anliegen. Die Füße haben mitgemacht. Das Dehnen und Nappen haben dabei mit Sicherheit ein großen Teil dazu beigetragen. Klar zwicken die ersten Meter jeder Runde etwas in den Beinen, doch das ging sehr schnell vorbei. Mit der Verpflegung über Nacht hatte ich auch keinerlei Probleme. Und der letzte Baustein: Gedanklich beeindrucken die Ultra-Distanzen immer weniger. Es bleiben viele Kilometer, jedoch löst die Vorstellung einen 60 km-Run zu joggen keine Gräuel mehr aus.

Fazit: So ein Backyard ist wirklich spannend. Wie Eingangs beschrieben geht es darum durchzuhalten. Viele Dinge können dabei helfen ein positives Mindsetting zu erhalten. Es war eine echt tolle Erfahrung und man lernt sich wieder besser kennen. Was spricht man nur in den Raum hinein und was macht man dann auch wirklich? Auf solche Fragen bekommt man hier definitv eine Antwort. Alleine werde ich sowas dennoch eher nicht mehr machen. Der Zeitaufwand ist schon recht hoch, selbst wenn man die 100 km nicht im Backyard läuft. Zudem ist es alleine auch etwas trist. Solch einen Rennmodus jedoch gegen andere auszutragen, um zu vergleichen, wie gut man die Zähne zusammenbeißen kann, hört sich allerdings sehr verlockend an. Und zu sehen, wie die Größe der Laufgruppe dahinschmilzt, stellt bestimmt ebenfalls eine enorme Motivation dar. Für Ultraläufe muss man viel geben, man bekommt aber ebenso viel zurück. Auch wenn die Füße erst einmal leiden, so haben diese Läufe großen Einfluss auf Brust und Nacken. Beides, Brust und Kreuz, werden nämlich nach dem Erfolg vor Stolz um einiges breiter. Viel Spaß bei euren nächsten Laufabenteuern. Time 2 Play!

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